Gefängnisinsel Bastoy

Überfüllte Gefängnisse, Gewalt hinter Gittern, Justizvollzugsbeamte am Limit: Der Strafvollzug in Deutschland steht massiv in der Kritik. Wie geht man mit Menschen um, die eine Freiheitsstrafe zu verbüßen haben? FOCUS Online war in Norwegen auf der Insel Bastoy, im wohl ungewöhnlichsten Gefängnis der Welt. Die Gefangenen, darunter Mörder und Vergewaltiger, haben Handys, dürfen sich frei bewegen und nach Feierabend tun, was sie wollen. Aber wer sich nicht benimmt, fliegt raus.

Die Sonne kämpft gegen die dicke Wolke, die an diesem Herbstvormittag über Bastoy hängt. Auf der norwegischen Insel, idyllisch im Oslofjord gelegen, weht eine kühle Brise. Die Wellen schlagen gegen die felsige Küste. Das Rauschen der Wellen ist das einzige Geräusch neben dem Kreischen der Möwen. Der Ausblick aufs Festland hinüber? Malerisch. Vereinzelt erreichen Sonnenstrahlen die grünen Wipfel der Pinienbäume. Bastoy, ein wunderschönes, mystisch anmutendes Inselchen, 2,3 Quadratkilometer klein, viel Wald.

„Meine Lieblingsorte hier? Die Kirche, die Insel-Bibliothek, der Tennisplatz, das Café und der Strand“, sagt Robert, 49 Jahre, mittellanges Haar. Bastoy ist jedoch keine angesagte Urlaubsinsel, und Robert kein Tourist. Bastoy ist ein Gefängnis, und Robert einer der vielleicht glücklichsten Häftlinge der ganzen Welt.

Die Insel ist seit dem späten 19. Jahrhundert in norwegischem Besitz. Bis in die 1970er war Bastoy eine Besserungsanstalt für ungezogene Jungs. Sexueller Missbrauch, Gewalt – die Zustände im Heim waren katastrophal. „Wenn du nicht brav bist, schicken wir dich nach Bastoy - das war früher das Schlimmste, womit man Kindern gedroht hat“, sagt Tom Eberhardt. Der 41-jährige Gefängnisdirektor, lichtes dunkelblondes Haar mit Geheimratsecken, Dreitagebart, erzählt diese Geschichte gerne. Böse Jungs sind auch heute noch auf Bastoy – doch der Umgang mit ihnen ist ein anderer.

Keine Mauern und Türschlösser für Mörder und Vergewaltiger

115 Kriminelle leben auf der Insel. Schläger, Steuerbetrüger, Vergewaltiger – und 20 Mörder. Doch auf Bastoy gibt es keine Zäune, keine Mauern, keine Zellen. Keine Schlösser, keine Riegel, die verhindern, dass die Insassen stiften gehen. Bewaffnetes Personal schon gar nicht.

Der Gefängnisdirektor setzt stattdessen auf ein anderes Mittel im Umgang mit den Häftlingen: „Ich vertraue meinen Insassen. Das spüren sie vom ersten Tag an, wenn sie plötzlich ohne Handschellen alleine auf der Insel stehen und dieses Maß an Freiheit gar nicht mehr gewohnt sind.“ Nach Bastoy zu kommen - das müssen sich Häftlinge erst verdienen, meist durch tadelloses Verhalten in einem anderen Gefängnis.



Rein geographisch ist eine Gefängnisinsel in Deutschland schon unwahrscheinlicher. Doch gäbe es ein deutsches Bastoy, wäre alles anders. Hierzulande gilt nämlich: Im geschlossenen Vollzug müssen die Hafträume der Insassen abgesperrt sein. Nur zu bestimmten Zeiten öffnen sich die Türen.

Auf Bastoy dürfen die Häftlinge in ihrer Freizeit hingegen tun und lassen, was sie wollen: Fußballspielen, die Indoor-Kletterwand nutzen, im Supermarkt shoppen, ins Fitnessstudiogehen, reiten, sogar am Gefängnis-eigenen Strand baden. Nachts, zwischen 21.30 Uhr und 7.00 Uhr, bleiben nur vier Wärter auf der gesamten Insel. Vertrauen geschenkt bekommen und dafür keinen Mist bauen – es ist ein Deal, auf den sich die Häftlinge einlassen.

Fliehen tut hier (fast) niemand, und in fast 30 Jahren gab es hier nur sehr wenige gewalttätige Auseinandersetzungen, sagt Direktor Eberhardt. Besonders stolz ist er auf eine andere Statistik, in der Norwegen gut und Bastoy rekordverdächtig abschneidet: Nur 16 Prozent der Häftlinge aus Bastoy werden innerhalb von zwei Jahren nach ihrer Freilassung wieder straffällig, wie eine Studie vor wenigen Jahren gezeigt hat.

Der deutsche Strafvollzug kämpft mit Problemen: Zuletzt häuften sich die Übergriffe auf JVA-Personal in mehreren Bundesländern. Es fehlt an Personal, der Krankenstand ist hoch. Auf der anderen Seite sind die Gefängnisse in etlichen Bundesländern rappelvoll, in Baden-Württemberg lag die Auslastung gar bei 100 Prozent. Das liegt auch an der hohen Rückfallquote: 48 Prozent der deutschen Häftlinge werden wieder straffällig, wie eine Studie im Auftrag des Justizministeriums zeigt. Wo läuft es besser als in Deutschland? Experten verweisen auf Norwegen. Die Rückfallquote dort laut Studie: 20 Prozent. Selbst in norwegischen Hochsicherheitsgefängnissen dreht sich alles um die Resozialisierung der Häftlinge. FOCUS Online sah sich dort um.

In Norwegens Vorzeige-Gefängnis sind Insassen und Wärter kaum zu unterscheiden

Im Zimmer neben Eberhardts Büro geht es lustig zu. Ein Häftling hat Schokokuchen für das Personal gebacken. Ein Wärter erzählt ihm, dass er den Kuchen kaum essen kann, weil er gestern einen Golfball ins Gesicht bekommen hat. Wärter, Sekretärinnen und der Häftling lachen. Wer hier der Häftling ist? Schwer zu erkennen, Knackis und die meisten Wärter tragen ihre eigenen Klamotten. Ihr Verhältnis ist ziemlich eng auf Bastoy. Die Devise: persönlich, aber nicht privat. Heißt: Das Personal soll sich den Häftlingen öffnen, intime Familiendetails aber doch für sich behalten.

Das Erfolgsgeheimnis von Bastoy? „Wir geben den Häftlingen von Tag 1 an Verantwortung.“ Es wird von ihnen erwartet, dass sie sich am Dorfleben beteiligen. „Dabei versuchen wir, ein Dorfleben zu leben, das so normal wie nur möglich ist“, sagt Direktor Eberhardt. Für die Insassen bedeutet das zum Beispiel: selbst aufstehen ohne Weckruf, selbst kochen, selbst Wäsche waschen. Banale Dinge, die in anderen Gefängnissen alles andere als selbstverständlich sind.

Auch einen Insel-Rat gibt es, in dem fünf Häftlinge zusammen mit fünf Wärtern sitzen und Verantwortung übernehmen können. Die Mitglieder werden von anderen Insassen gewählt und entscheiden sogar über die Verwendung bestimmter Gelder. Letztes Jahr etwa wurde ein Handy-Projekt mit 15.000 Euro bezuschusst: Jeder Insasse bekam ein Mobiltelefon (ohne Internet), mit dem er zwischen 18 und 22 Uhr so viel telefonieren kann, wie er will, solange er es bezahlen kann.

In Deutschland „wird der Inhaftierte zum Gefangenen“

Verantwortung für Häftlinge? Das traut sich Deutschland nicht, beklagt Kriminologe Bernd Maelicke. „In Deutschland wird die Eigenverantwortung vom ersten Tag an komplett abgegeben. Unsere Gefängnisse sind totale Institutionen - alles wird geregelt und vorgeschrieben, selbst in der Freizeit dominiert die Subkultur.“

Eigenverantwortung werde in Deutschland zwar schrittweise im Offenen Vollzug, in der Sozialtherapie oder in der Entlassungsvorbereitung zugelassen. „Die Haftzeit im Geschlossenen Vollzug und vor der Entlassung ist jedoch durch Entmündigung und durch Vollzugsschäden geprägt“, sagt Maelicke. Er konstatiert: „In Norwegen bleibe der Inhaftierte Staatsbürger. In Deutschland ist er dem besonderen Gewaltverhältnis des Staates unterworfen und wird zum Gefangenen.“


Ihre ersten zwei bis drei Wochen auf Bastoy verbringen Häftlinge in den Eintrittshäusern, wo sie sich und ihre Manieren beweisen müssen. Danach leben sie in ganz normalen Häusern, teils zu zweit, teils zu acht. 20 hübsche Holzhäuser, rote, gelbe, weiße, sind über die Insel verteilt.

Direktor Eberhard läuft über eine Schotterstraße zum Kuhstall, links ein kleiner Berg, rechts weite Felder. Auf Bastoy wird Landwirtschaft betrieben. Die Häftlinge sind die Bauern – wenn sie nicht Koch, Mechaniker oder Schreiner gelernt haben. Tagsüber arbeiten sie mit dem Gefängnispersonal zusammen anstatt von ihm nur überwacht zu werden. Rechts neben dem Schotterweg stehen zwei riesige Gewächshäuser voller Tomaten. Auch Getreide oder Bohnen werden auf der Insel angebaut.

Rund 30 Kühe und Kälber liegen im Stall herum. „Bald geht es für sie zum Metzger“, sagt Eberhardt gänzlich unromantisch. „Die Kühe werden hier geboren, fressen hier auf dem Feld und werden hier wieder gegessen: Das ist der Kreis des Lebens.“ Mit dem selbst angebauten Getreide und Gemüse, dem Fleisch der 30 Kühe und der 60 Schafe kann sich die Insel weitgehend selbst versorgen.

Häftling auf Pferdekutsche

Robert, der Häftling mit den Lieblingsorten, kommt auf einer Kutsche an, zwei weiße Pferde im Gespann. Der 49-Jährige ist wegen Steuerbetrugs hier, wurde zu einem Jahr und neun Monaten verurteilt. „Montags und dienstags sammle ich mit den Pferden immer den Müll ein. Zweimal am Tag hole ich mit ihnen die Post. Alles, was wir mit Pferden erledigen können, machen wir auch mit Pferden.“



Das erste ökologische Gefängnis der Welt will Bastoy sein. „Wenn wir das Klima weiter verschmutzen, steigt der Meeresspiegel, und dann ist Bastoy irgendwann weg“, sagt Eberhardt. Autos sind hier nur in Ausnahmefällen erlaubt, Bastoy setzt auf Pferde und Fahrzeug mit Elektroantrieb. Ein kleiner E-Roller surrt an Eberhardt vorbei und fährt zurück in Richtung Dorfzentrum.

Dort, in Küstennähe, gibt es ein eigenes Haus für Besuche. In Deutschland scheint das undenkbar. Im geschlossenen Vollzug werden die Besuche der Angehörigen streng überwacht, in Hochsicherheitsanstalten sowieso. Besuch einmal die Woche ist auf Bastoy Standard, je nach Kapazität sehen die Insassen ihre Familien sogar zwei bis dreimal die Woche. Übernachtungen von Externen sind aber nicht erlaubt.

Mitten auf einer Wiese steht das Proben-Haus für die Blues-Band, die aus fünf Insassen besteht. Kai mit dem Kinnbart ist ihr Coach: „Wir üben dreimal die Woche. Wir sind sehr stolz auf unsere Blues-Band, sie ist eine der bekanntesten in ganz Norwegen.“

Häftlinge dürfen Gefängnisinsel auch verlassen

Für Auftritte dürfen die Insassen ausnahmsweise auch die Insel verlassen. Kürzlich spielten sie etwa im norwegischen Nobel-Institut in Oslo. Gerade übt Kai mit der Band ein paar Clapton-Nummern und Bill Withers „Ain’t no Sunshine“ ein. Sie schreiben zusammen aber auch Songs über das Leben im Gefängnis. „So macht man was aus seiner Zeit“, sagt Kai.

Im Zentrum des Dorfes gibt es neuerdings eine Cafeteria samt Billardtisch, Barista-Ausstattung und XXL-Beamer zum Filmeschauen. Ums Eck die Kirche, die auch als Versammlungsraum genutzt wird.

Bei all den Freizeitmöglichkeiten und der malerischen Landschaft, die es auf Bastoy gibt – ist das überhaupt noch ein Gefängnis? Ja, entfährt es Eberhardt im Bruchteil einer Sekunde. „Leute, die Bastoy mit einer Ferienanlage vergleichen, haben keine Ahnung.“ Er zieht die Augenbrauen zusammen. „Selbst wenn ich Sie in die tollste Fünf-Sterne-Suite in Oslo stecke, würden Sie ziemlich schnell leiden, wenn Sie wüssten, dass Sie diese für mehrere Jahre nicht verlassen dürfen. Das wette ich.“

Der Verlust von Freiheit sei Strafe genug, sagt Eberhardt und nennt damit eines der Grundprinzipien von Norwegens Strafvollzugssystem. „Es bringt nichts, Häftlinge in die schlechtmöglichste Umgebung zu setzen – das müssen wir der Öffentlichkeit noch besser vermitteln.“


Insasse floh mit Surfbrett

Geärgert hat sich Eberhardt über eine Schlagzeile aus dem Jahr 2015: „Insasse flieht auf Surfbrett aus dem luxuriösesten Gefängnis der Welt.“ Da war alles drin: ein Häftling, der aus einem nicht umzäunten Luxus-Gefängnis mit einem Surfbrett flieht, das ihm vermeintlich auch noch zur Verfügung gestellt worden war – naiver geht’s nicht. Oder? Eberhardt verweist genervt darauf, dass das ein absoluter Einzelfall war und dass der Mann nun in einem Hochsicherheitsgefängnis sitzt.

Naivität will sich Eberhardt nicht vorwerfen lassen: „Wer sich nicht in die Dorfgemeinschaft integriert, muss wieder zurück ins Hochsicherheitsgefängnis.“ Zehn oder fünfzehnmal jährlich komme das vor. Eine Macho-Kultur, wie sie in anderen Gefängnissen herrscht, will der Gefängnisdirektor hier erst gar nicht aufkommen lassen.

Stattdessen setzt er auf eine „progressive und positive Atmosphäre des gegenseitigen Respekts“. Denn Menschen passen sich immer ihrer Umwelt an und adaptieren das Verhalten, ist Eberhardt überzeugt. „Als ich in der Armee diente, hatte ich schließlich auch Bilder von nackten Frauen in meinem Spind und war ein Macho, weil das der Standard war“, schmunzelt er.

Robert, dem Kutschen-Häftling mit den Lieblingsorten, gefällt der Positiv-Ansatz, auch wenn er ihn manchmal albern findet. „Die Insel ist so weitläufig, dass wir Häftlinge uns untereinander oft kaum sehen und kennen. Aber wenn wir jemandem entgegenkommen, müssen wir ihn immer grüßen. Das ist Pflicht.“ Dass das für eine nette Atmosphäre sorgt, muss der 49-Jährige aber schon zugeben. Er steigt von der Kutsche – Feierabend. Jetzt geht es zurück in sein rotes Holzhaus, oben auf einem kleinen Berg. „Ich nenne es Beverly Hills“, grinst der Steuerbetrüger. Dann sagt er artig „Auf Wiedersehen“.


(Quelle Focus Online)