Knastcuisine

Berlin. Das Menü beim Sternekoch oder die Pizzarunde mit Freunden - ohne Foto für die Twitter- oder Facebookgemeinde geht es bei vielen fast nicht mehr. Nun hat der Mitteilungsdrang offensichtlich auch Berliner Gefangene erreicht. Aus der Männer-Haftanstalt Heidering werden auf dem Twitter-Account "Gefängniscuisine" Bilder vom Knast-Essen gepostet - trotz Handyverbots.

Drapiert wurden auf einer blauen Decke etwa ein trockenes Brötchen, eine halbe Möhre und eine Scheibe Käse. Dazu der ironische Text: „Rezeptideen? Ach so, habe noch Margarine.“ Bei einem anderen Tweet sind auf „Gefängniscuisine“ Nudeln, Tomatensoße und ein Becher Joghurt zu sehen. Dazu heißt es: „Für ein Kind wäre die Portion ausreichend“.


„Gefängniscuisine“ bei Twitter: Berliner Justizverwaltung genervt


Die Berliner Justizverwaltung bezweifelt die Echtheit der Posts nicht. Behörden-Sprecher Sebastian Brux zeigt sich aber sichtlich genervt über immer neue Ideen, Vorschriften im Knast zu umgehen. „Es ist schwer zu unterbinden“, sagte er. Dabei gelte das Essen in Heidering doch das beste in den Berliner Haftanstalten. „Wir sind verwundert“, so der Sprecher von Justizsenator Dirk Behrendt (Grüne). Prompt konterte der Knast-Twitterer: "Die heutige Abendmahlzeit widmen wir Herrn @Dirk_Behrendt". Zu sehen sind ein trockenes Brötchen, zwei hartegekochte Eier und ein Stück Brie.

Bei Kontrollen würden zwar auch verbotene Handys eingezogen, so Brux. Die Möglichkeit, die Geräte gänzlich zu verhindern, seien aber begrenzt. Sanktionen müssten auch verhältnismäßig sein.
Justiz-Sprecher: Fotos von "Gefängniscuisine" zeigen nicht die Realität
Nun legte Behörden-Sprecher Brux nach. In einem Tweet schrieb er: „Wir freuen uns über das öffentliche Interesse an einem ausreichenden und ausgewogenen Gefängnisessen in der JVA Heidering. Die öffentlich gewordenen Fotos scheinen rein ästhetische Ziele zu verfolgen und bilden nicht die Realität ab."
Dazu veröffentlichte er eigene Bilder verschiedener Mahlzeiten, die aus Berliner Gefängnissen stammen sollen. Auf den ersten Blick wird ersichtlich: Sowohl Portionsgröße als auch Vielfalt unterscheiden sich deutlich von den Bildern, die zuvor der Twitter-Account "Gefängniscuisine" gezeigt hatte. Um dies zu untermauern, zeigte Brux zugleich einen Speiseplan aus der JVA Heidering. Dort markierte er jene Menüs, in denen Lebensmittel in Bio-Qualität verwendet wurden.Der Berliner Häftling ist nicht der erste, der aus der Haft heraus Posts im Internet verbreitet. Über Monate hatte ein Youtuber die Berliner Justiz mit heimlich gedrehten Videos über den Knastalltag genarrt. Auch er sitzt in Heidering - derzeit wohl ohne Handy. Der Gefangene habe eine ganze Staffel vorproduziert, heißt es. Vermutet wird, dass er sich ein Geschäft für die Zeit nach der Haft aufbauen will.
Bei dem Youtuber wird laut Sprecher täglich der Haftraum überprüft, er muss demnach ohne Fernseher leben, vor sein Fenster wurde ein Gitter aus engmaschigem, feinen Draht gespannt. „Damit ihm keiner von draußen etwas reinreichen kann.“
Der Bund der Strafvollzugsbediensteten sieht Handys in Gefängnissen als bundesweites Problem. „Wir tun alles, dass sie gar nicht erst reinkommen“, hatte Vorsitzender René Müller zu Jahresbeginn der Deutshen Presse-Agentur (dpa) gesagt. „Aber wir haben viel zu wenig Manpower und zu wenig Technik.“



Gefängnisse in Berlin: Handys werden auch per Drohne abgeworfen
Die begehrte Technik findet immer wieder zu Gefangenen. Laut Müller werden Handys auch schon mal per Drohne abgeworfen - das sei aber die Ausnahme. Auch über Besucher, Lieferanten oder Pakete gelangen Handys sowie Drogen in Haftanstalten. Das Einschmuggeln habe zugenommen. „Mancher Gefangene hat zwei, drei Geräte“, hatte Müller betont. In Berliner Gefängnissen wurden allein 2017 laut Justiz mehr als 1300 verbotene Handys eingesammelt.
Handys im Knast sind verboten, damit keine Straftaten geplant und verabredet werden können. Auch Zeugen in Gerichtsverfahren sollen nicht beeinflusst oder Opfer bedroht werden können. Bilder oder Videos aus dem Gefängnis gelten zudem als Sicherheitsrisiko.
Da ist Justizsprecher Brux schon erleichtert, dass neben dem Essen bislang keine Sicherheitsanlagen oder Namen gepostet wurden. Er lenkt den Blick lieber auf die Küche des Gefängnisses in Heidering. Da gebe es auch 32 Arbeitsplätze für Insassen. Und die Speisepläne seien nach Richtlinien der Deutschen Gesellschaft für Ernährung erstellt.
Beschwerden von Gefangenen über Essen im Gefängnis Der Insasse, nach eigenen Angaben wegen Mordes verurteilt, wundert sich auch über die Tweets - aber anders als Sprecher Brux. „Essen in der Alu-Schale in Heidering? Bei einem grünen Justizsenator? Da geht uns ja der Hut hoch“, meint der 60-Jährige für die Redaktion im Gefängnis Tegel.
Der bislang anonyme Betreiber des Accounts Gefängniscuisine kündigte indessen auf Twitter an, dass er weiter seine "2800 Kalorien Rezepte" teilen werde und forderte andere Häftlinge auf, Bilder ihres Essens unter dem Hashtag #foodporn zu posten.
Quelle: Berliner Morgenpost