Strafvollzug-Jörn Patzak leitet das größte Gefängnis in Rheinland-Pfalz und erklärt, wo die Probleme liegen und warum er das System verteidigt.

In Deutschland leben über 60.000 Menschen im Gefängnis. Die Hälfte von ihnen wird nach der Entlassung wieder rückfällig. Kritiker fordern deshalb mehr offenen Strafvollzug (eine Reportage über jugendliche Straftäter im offenen Vollzug lesen Sie hier). Doch wie sieht die Realität für die Mehrheit der Häftlinge in Deutschland aus? Jörn Patzak leitet das größte Gefängnis in Rheinland-Pfalz und erklärt, wo die Probleme liegen und warum er das System verteidigt.

ZEIT ONLINE: Seit 2014 leiten Sie die JVA Wittlich, das größte Gefängnis in Rheinland-Pfalz. Was für Gedanken gehen einem so am ersten Arbeitstag durch den Kopf?

Jörn Patzak: Ich hatte einen Heidenrespekt, als ich das erste Mal hier in die Anstalt gekommen bin. Auch wenn ich vorher 15 Jahre Staatsanwalt war und JVAs durchaus kannte, habe ich relativ schnell gemerkt, dass ich vom Vollzug keine Ahnung hatte. Zum Beispiel: Wie mache ich hier eine Tür auf und zu? Damit fängt es schon an. Wie schließe ich? Am Anfang stand ich wie der Ochs vorm Berg vor der Tür. Man muss wissen, in welche Richtung man den Schlüssel reinstecken muss und in welche Richtung man dreht. Wenn Sie es noch nie gemacht haben, machen Sie es erst mal falsch, denn wir haben ein besonderes Schließsystem mit vielen verschiedenen Schlössern und Schließmethoden. Ein weiteres Beispiel ist das Personennotrufgerät, das jeder Bedienstete trägt. Ich musste erst einmal in die Bedienung eingewiesen werden.

ZEIT ONLINE: Was sind Ihre Aufgaben als Gefängnisleiter?

Patzak: Ich bin wie der Bürgermeister in einer kleinen Stadt. Der muss sich einerseits um die Bürger kümmern, aber andererseits die Abläufe im Blick haben. Ich habe 360 Bedienstete zu organisieren und 600 Häftlinge zu überwachen. Zu meinen Aufgaben zählen neben Personalangelegenheiten die organisatorischen Absprachen, vor allem solche, die auch andere Anstalten betreffen. Zudem mache ich die Presse- und Öffentlichkeitsarbeit. Bei den Gefangenen bin ich insbesondere bei Lockerungsentscheidungen beteiligt. Hierfür sind zwar grundsätzlich die Abteilungsleiter zuständig, aber bei manchen schwerwiegenden Entscheidungen muss ich als Gefängnisleiter genehmigen. Manchmal spreche ich auch mit einem Gefangenen, aber das kommt selten vor. Bei so vielen Gefangenen bleibt dafür keine Zeit. In den viereinhalb Jahren, die ich jetzt schon Gefängnisleiter bin, war mir noch nicht eine Minute langweilig.

langweilig.

Bei uns ist es nicht bedrückend, sondern eher wie im Krankenhaus.Gefängnisdirektor Jörn Patzak

ZEIT ONLINE: Wie sieht es in Ihrem Gefängnis aus?

Patzak: Sie würden sich wundern. Wir haben 2010 neu gebaut und der Neubau ist sehr modern, deswegen hat es nicht den Flair des Gefängnisses, wie man es aus dem Fernsehen kennt. Die Wände der verschiedenen Abteilungen sind mit unterschiedlichen Farben gestaltet. Die Gänge sind relativ breit, weit und hell. Im Altbau, der von 1902 bis 2010 betrieben worden ist, sieht es noch so aus, wie man es aus den Tatort-Filmen kennt: dunkle Gänge, schallende Türen, die zuknallen. Das ist das typische Bild des Bürgers von der JVA. Aber es ist nicht ausgeschlossen, dass wir den Altbau wegen der steigenden Häftlingszahlen nicht doch wieder in Betrieb nehmen müssen. Wer als Gefangener zu uns kommt, kommt direkt nach dem Eingangstor erst mal am Wasserauffangbecken vorbei. Da läuft das Oberflächenwasser rein, das sieht aus wie ein kleiner Teich. Da haben wir sogar Enten drin, die sich selbständig dort angesiedelt haben. Bei uns ist es baulich nicht bedrückend, es wirkt eher wie ein Krankenhaus.

ZEIT ONLINE: Die Enten sind aber nicht bei Ihnen im Vollzug?

Patzak: Wir nennen sie schon scherzhaft Vollzugsenten. Mit denen haben wir aber eigentlich nichts zu tun.

ZEIT ONLINE: Nach welchen Prinzipien wurde der Neubau gebaut?

Patzak: Vor etwa 100 Jahren war es noch so, dass man panoptisch gebaut hat, das heißt, das Aufsichtspersonal konnte von einem Mittelpunkt aus im gesamten Gebäude alle Zellen von unten bis oben überwachen. Das ist heute nicht mehr so. Mittlerweile sind unsere Abteilungen voneinander getrennt. Jede einzelne besteht aus drei Flügeln, in denen zwischen 75 und 90 Gefangene untergebracht sind. Wir unterscheiden nicht zwischen den Straftaten, haben aber eine abgetrennte Abteilung für die Untersuchungshaft, die Zugänge und die Drogen-Abstinenz-Abteilung. Wir haben jetzt viel kleinere Einheiten, damit ist es insgesamt ruhiger und die Betreuung für den Einzelnen besser.

ZEIT ONLINE: Wie viele Gefangene wohnen in einer Zelle?

Patzak: In Deutschland haben die Gefangenen mittlerweile einen Anspruch auf Einzelhaft. Auf jedem Flügel gibt es einen oder zwei größere Räume, die auf Wunsch der Gefangenen doppelt belegt werden können. In Überbelegungssituationen wie im Moment müssen wir aber auch Einzelhafträume doppelt belegen, dann teilen sich zwei Häftlinge die 11-Quadratmeter-Zelle. Wir haben abgetrennte Nasszellen, das heißt Toilette und Waschbecken sind vom Rest der Zelle durch eine Wand abgetrennt. Das erlaubt uns, die Zellen doppelt zu belegen. Im alten Trakt ist die Toilette im Raum, da dürften wir das nicht, weil es die Privatsphäre des Häftlings verletzt hätte, wenn er vor einem Mithäftling die Toilette benutzen müsste. Geduscht wird nicht im Haftraum, sondern in Gemeinschaftsduschen.

ZEIT ONLINE: Wurden die Gefangenen 2010 am Umbau der Hafträume beteiligt?

Patzak: Kann ich mir nicht vorstellen.

ZEIT ONLINE: Sagen wir mal, ich sei verurteilt worden und komme zu Ihnen in die JVA. Wie sieht mein erster Tag aus?

Patzak: Bei Ihnen wäre es schon schwierig, weil Sie eine Frau sind und wir ein reines Männergefängnis sind. Aber sagen wir mal, Sie kommen mit einer Strafhaft zu uns. Am ersten Tag ist Aufnahme: Sie bekommen von uns Anstaltskleidung. Sie geben fast alles ab, was Sie besitzen. Das wird protokolliert und in Ihrer Gegenwart verplombt, damit es am Ende nicht heißt, es sei etwas weggekommen. Von da aus geht’s für Sie ins Krankenhaus, Sie werden medizinisch untersucht. Dann haben Sie ein Erstgespräch mit der Zugangsabteilung, wo der Abteilungsleiter und ein Sozialarbeiter Sie kennenlernen und versuchen, herauszufinden, wo Ihre Probleme liegen. Dann kommen Sie auf eine Zugangsabteilung. In der ersten Zeit sind die Belastungen des Gefängnisses am größten. Draußen geht für Sie ja gerade alles den Bach runter. Möglicherweise haben Sie Angst um Ihre Familie, vielleicht trennt sich ja Ihr Mann von Ihnen, wie geht es mit den Kindern weiter? Die Sorgen von draußen nehmen die Menschen mit ins Gefängnis, in eine Welt, die sie nicht kennen. Das Augenmerk der Zugangsabteilung liegt deswegen auf der Suizidprophylaxe.

"Jede Zelle verfügt jetzt über ein Telefon"

ZEIT ONLINE: Wie lange bleibe ich in der Zugangsabteilung?

Patzak: Etwa vier bis acht Wochen. Auf der Zugangsabteilung wird Ihr Vollzugs- und Eingliederungsplan geschrieben, in denen man sich mit Ihnen auseinandersetzt. Da werden die Defizite, die zu der Straftat geführt haben, und Maßnahmen, die wir für wichtig erachten, dokumentiert. Das kann zum Beispiel bedeuten, dass Sie zu einer Schuldenregulierung angehalten werden, an sozialen Trainingsplänen teilnehmen müssen oder zur Suchtberatung gehen sollten. Dann wird auch geschaut, ob Sie Perspektiven haben, bei uns zu arbeiten. Sie können nach Fähigkeiten oder Interesse in die Arbeitsbetriebe kommen und zum Beispiel backen oder schweißen.

Je länger man in der 11-Quadratmeter-Zelle ist, desto enger wird sie.Gefängnisdirektor Jörn Patzak

ZEIT ONLINE: Wie viel verdiene ich dann?

Patzak: Die Grundvergütung für die Arbeit der Gefangenen beträgt in der untersten Vergütungsstufe 8,07 Euro. Aber nicht pro Stunde, sondern pro Tag. Wenn Sie Meister sind, 16,82 Euro pro Tag. Mit dem Geld können Sie dann beim Anstaltskaufmann einkaufen, Süßigkeiten zum Beispiel oder Lebensmittel zum Kochen. Die Einkaufsliste ist reglementiert. Es gibt zum Beispiel keinen Pfeffer, damit könnten Bedienstete verletzt werden. Und keine Hefe, weil Sie damit Alkohol ansetzen könnten. Man muss aber nicht arbeiten, es gibt in Rheinland-Pfalz keine Arbeitspflicht mehr.

ZEIT ONLINE: Wann kann ich Familie und Freunde sehen?

Patzak: In Wittlich dürfen Sie zwei Stunden pro Monat Besuch empfangen. Dafür haben wir einen großen Besuchsraum mit 16 Tischen, wo Sie sich mit bis zu drei Personen treffen können. Wir haben auch einen Familienbesuchsraum, damit die Gefangenen den Kontakt zu ihren Kindern halten können. Dafür gibt es im Stundenkontingent zwei Stunden extra.

ZEIT ONLINE: Wenn einem Gefangenen zwei Stunden für seine Kinder nicht reichen, kann er dann wenigstens telefonieren?

Patzak: Wir haben in Wittlich Ende letzten Jahres die Haftraumtelefonie eingeführt, das heißt jede Zelle verfügt jetzt über ein Telefon. Darunter darf man sich kein frei nutzbares Telefon vorstellen, der Häftling kann sich maximal zehn Nummern freischalten lassen, die wir vorher prüfen, und die Telefonate können abgehört werden. Früher waren für 90 Gefangene zwei Telefone auf dem Gang bereitgestellt. Das war für unsere Mitarbeiter viel Arbeit, denn die Gefangenen bewegen sich hier nie frei. Wenn besetzt war, musste derjenige zurückgebracht werden und der Nächste ist dran. Wenn der länger telefonieren wollte, war das ein Problem, denn die anderen wollten auch noch drankommen. Jetzt kann jeder Gefangene unter den genannten Einschränkungen aus dem Haftraum telefonieren.

ZEIT ONLINE: Gab es Widerstand gegen die Neuerung, dass Gefangene in ihrer Zelle telefonieren dürfen?

Patzak: In der Öffentlichkeit gibt es immer Widerstand. Vor allem im Internet haben einige zum Ausdruck gebracht, dass sie dafür kein Verständnis haben. Die beschweren sich dann, dass es den Gefangenen viel zu gut gehe. Aber das sind Stammtischparolen. Wenn die Zelle zugeht, dann ist das hier drin alles andere als nett. Je länger man in der 11-Quadratmeter-Zelle ist, desto enger wird sie. Was die Leute draußen vergessen, ist, dass es hier keinerlei Möglichkeiten gibt, sich individuell zu entfalten. Alles, was man hier tagsüber machen kann, müssen wir den Gefangenen erst mal erlauben. Bei allem, was außerhalb der Haftzelle stattfinden soll, also arbeiten gehen oder Freizeitmaßnahmen wie Musikkurse oder Sport oder duschen gehen, da müssen die Gefangenen zuerst einen Mitarbeiter kontaktieren, der es ihnen gestattet. Sie sind komplett fremdbestimmt. Wir sind weit davon entfernt, hotelähnliche Strukturen zu haben.

Man darf nicht vergessen, wie schmal der Grat zwischen drinnen und draußen ist.Gefängnisdirektor Jörn Patzak

ZEIT ONLINE: Warum glauben viele Menschen, dass es im Gefängnis eigentlich ganz gemütlich ist?

Patzak: Der Strafvollzug war lange Zeit etwas Abgeschlossenes. Und das führte zu vielen Mythen über Gefängnisse. Ein Finanzamt und eine Polizeistation kennt jeder, aber kaum jemand ein Gefängnis.

ZEIT ONLINE: Was gibt es sonst noch für Vorurteile über Gefängnisse?

Patzak: Hier sitzen auch ganz "normale" Menschen. In Stammtischparolen geht es immer nur um den Schwerverbrecher. Aber es begehen wahnsinnig viele "normale" Leute Straftaten. Ein Beispiel: Wer betrunken Auto fährt und einen tödlichen Verkehrsunfall verursacht, der wird in der Regel zu einer Freiheitsstrafe ohne Bewährung verurteilt. Das kommt häufiger vor. Wir haben es auch mit Menschen zu tun, die wegen Schwarzarbeit, Steuerhinterziehung oder anderen Verkehrsdelikten einsitzen. Man darf nicht vergessen, wie schmal der Grat zwischen drinnen und draußen ist.

"In jeder JVA gibt es kriminelle Kreise"

ZEIT ONLINE: Was passiert mit mir, wenn ich nach, sagen wir, drei Jahren wieder rauskomme?

Patzak: Das kommt drauf an, wie Sie sich geführt haben, also wie Sie sich während Ihrer Haftzeit benommen haben und wie Ihre Lebensumstände aussehen. Alle Gefangenen werden vor ihrer Freilassung vom Sozialdienst betreut. Wenn Sie draußen obdachlos sind, keine "sozialen Empfangsräume" haben, wenn Sie keine Arbeit und auch keine Perspektive auf Arbeit haben, werden wir Sie aber intensiver betreuen, als jemanden, der draußen eine Familie hat, die auf ihn wartet und einen Arbeitsplatz, an den er zurückkehren kann. Im ersten Fall ist der Sozialarbeiter mehr gefordert. Da schauen wir etwa, ob wir helfen können, im Vorfeld eine Wohnung zu finden. Die Menschen mit vorhandenen Empfangsräumen brauchen weniger Betreuung, da schauen wir eher, ob wir zum Beispiel bei der Schuldenregulierung helfen können. Schon am ersten Tag im Gefängnis bekommen unsere Gefangenen eine Mappe, in der eine Checkliste mit den notwendigen Schritten enthalten ist: Pass, Wohnung, Entlassungsdokumente. Jeder Gefangene muss sich auch selbst darum kümmern, die nötigen Schritte zu gehen.

ZEIT ONLINE: Kriminalitätsforscher und Strafvollzugsexperten sprechen vom Gefängnis als einer "Schule der Gewalt". Was bedeutet das?

Patzak: In jeder JVA gibt es kriminelle Kreise, die die Umstände und die Verletzlichkeit von Leuten nutzen, um sie körperlich zu attackieren, zu erpressen oder Geschäfte zu machen. Wir tun alles, um das zu verhindern, aber wir haben Menschen hier, die den ganzen Tag Zeit haben, zu überlegen, wie man das System austricksen kann. So haben wir natürlich auch Drogen hier drin. Ich werde oft gefragt, wie es sein kann, dass es Drogen im Knast gibt. Die eigentliche Frage ist aber: Wie können Drogen nicht im Knast sein? Wie sollten wir das verhindern? Solange Menschen Körperöffnungen zum Schmuggeln nutzen, werden Drogen im Gefängnis sein!

ZEIT ONLINE: Warum ist das Ihrer Meinung nach die wichtigere Frage?

Patzak: Eine Haftstrafe findet im Spannungsfeld von Resozialisierung und Sicherheit statt. Je mehr Freiheiten wir gestatten, desto größer ist die Wahrscheinlichkeit für eine erfolgreiche Resozialisierung. Unser Ziel ist es, Täter wieder in die Gesellschaft einzugliedern. Alles, was wir hier im Gefängnis für die Resozialisierung der Gefangenen tun, öffnet aber auch wieder das Einfallstor für kriminelle Machenschaften. Zum Beispiel die Menschen bei Ausgängen nach Hause gehen zu lassen, damit sie möglichst viel Kontakt zur Familie haben. Dabei können wieder Drogen eingeschmuggelt werden. Die einzige Möglichkeit, Drogen aus dem Gefängnis zu halten, wären zehn Meter hohe Mauern, mit einem Deckel obendrauf, und sie lassen niemanden mehr rein oder raus. Aber die Insassen aus so einem Gefängnis wären für die Gesellschaft verloren. So kann man niemanden resozialisieren. Das sollte jedem klar sein.

Je mehr Freiheiten wir gestatten, desto größer ist die Wahrscheinlichkeit für eine erfolgreiche Resozialisierung.Gefängnisdirektor Jörn Patzak

ZEIT ONLINE: Wenn wir akzeptieren müssen, dass es Drogen und Gewalt im Gefängnis gibt, scheint das Gefängnis nicht der beste Ort für Straftäter zu sein. Warum sperren wir trotzdem ein?

Patzak: Warum bestrafen wir überhaupt? Ein Aspekt ist Resozialisierung, ein zweiter Aspekt ist die Generalprävention als Abschreckung. Wenn wir keine Gefängnisse hätten, wäre die Wahrscheinlichkeit größer, dass sich Menschen nicht ans Gesetz halten, da sie keine spürbaren Sanktionen zu erwarten haben. Der dritte Grund ist Sühne und Vergeltung. Fragen Sie im Gerichtssaal mal die Eltern eines Kindes, das von einem Betrunkenen totgefahren wurde, ob es denen wichtig ist, dass der Täter resozialisiert wird. Die wollen, dass der Täter hart bestraft wird. Je nachdem, wer welche Straftat begangen hat, variieren diese Strafgründe. Um dem gerecht zu werden, brauchen wir das Gefängnis.

ZEIT ONLINE: Der Strafrechtsexperte Bernd Maelicke ist davon überzeugt, dass etwa die Hälfte der rund 60.000 Menschen, die derzeit in deutschen Gefängnissen inhaftiert sind, da nicht hingehört.

Patzak: Wenn es zum Beispiel um die Ersatzfreiheitsstrafe geht, sehe ich das ähnlich. Wenn ein Mensch zum Beispiel wegen eines Bagatelldelikts zu dreißig Tagessätzen verurteilt wurde und nicht bezahlt, dann kommt der für einen Monat zu uns in Gefängnis. Mit dem machen wir hier nichts. Was soll ich denn in dreißig Tagen bei dem resozialisieren? Das wollte der Richter auch nicht. Der hat ja gar keine Freiheitsstrafe verhängt, sondern absichtlich nur eine Geldstrafe. Wenn Geldstrafen aber nicht mehr mit Ersatzfreiheitsstrafen vergolten werden können, was machen wir dann? Fiele die Ersatzfreiheitsstrafe weg, würde ja niemand mehr seine Geldstrafen bezahlen. Deswegen ist es immer noch das beste Mittel, um die Leute dazu zu bekommen, die Geldstrafe zu bezahlen.

ZEIT ONLINE: Auch bei Ihnen im Gefängnis gibt es Probleme. Seit 2014 gibt es in der JVA Wittlich einen Anstieg der Gewalt unter den Häftlingen. Warum ist das so?

Patzak: Schwer zu sagen, aber ich glaube, das liegt am gestiegenen Drogenkonsum. Im Vollzug haben wir viele Menschen, die sich durch Drogenkonsum erhebliche psychische Störungen zugezogen haben, die oftmals Auslöser für Gewalthandlungen uns gegenüber sind.

"Uns fehlen Mitarbeiter"

ZEIT ONLINE: Ist Gewalt unter den Häftlingen nicht ein Zeichen für einen nicht funktionierenden Vollzug?

Patzak: Man muss sich klarmachen, unter welchen Bedingungen die Menschen hier untergebracht sind und unter welchem Druck sie stehen. Da wäre einmal die Enge, aber auch der soziale Druck, der durch die anderen Gefangenen ausgelöst wird. Möglicherweise auch der kriminelle Druck, dem man ausgesetzt wird, wenn man zum Beispiel von anderen Gefangenen als Drogenschmuggler missbraucht wird. Dann versteht man, dass dieser Druck in Gewalttaten ausarten kann. Vor allem bei Menschen, die eine niedrige Impulskontrolle haben. Da ist es nicht verwunderlich, dass es zu Gewalt kommt, wenn man diese Leute auf engstem Raum so zusammenbringt.

ZEIT ONLINE: Haben Sie in der JVA Wittlich genug Personal, um die Gefangenen zu betreuen?

Patzak: Uns fehlen Mitarbeiter. Gleichzeitig steigt die Gefangenenzahl. Die Unterbesetzung spüren wir jeden Tag. Für eine angemessene Betreuung braucht man Personal. Wir haben zwar Sozialarbeiter, Psychologen, gute Fachleute, aber am wichtigsten für die Resozialisierung sind die Beamten des allgemeinen Vollzugsdienstes. Die haben den engsten Kontakt zu den Gefangenen, denn sie machen jeden Tag wiederholt die Haftraumtür auf und zu. Zum Beispiel bei der sogenannten Lebendkontrolle, das heißt, der Beamte schaut in die Zelle, grüßt und wartet kurz auf Reaktion. Eigentlich braucht der Beamte aber auch Zeit, sich um die Gefangenen zu kümmern, wenn er merkt, dass etwas nicht stimmt. Die hat er im Moment häufig nicht.

Im geschlossenen Vollzug sind wir überbelegt.Gefängnisdirektor Jörn Patzak

ZEIT ONLINE: Unterscheidet sich die Situation zwischen geschlossenem und offenem Vollzug?

Patzak: Im geschlossenen Vollzug sind wir überbelegt. Heute Morgen hatten wir weit über 500 Gefangene bei 471 Haftplätzen. Das heißt, wir müssen die Einzelhafträume doppelt belegen. Im offenen Vollzug mit 62 Haftplätzen habe ich derzeit 20 Gefangene. Ich wünschte mir, ich könnte sie belegen.

ZEIT ONLINE: Warum können Sie die Plätze nicht belegen?

Patzak: Es gibt verschiedene Gründe, die in Rheinland-Pfalz, aber auch im Rest Deutschlands dagegen sprechen. Nicht in den offenen Vollzug dürfen Menschen mit Flucht- oder Missbrauchsgefahr, das heißt Menschen, bei denen die Gefahr besteht, dass sie im offenen Vollzug noch mal Straftaten begehen werden. Und man muss geeignet sein, also zum Beispiel gemeinschaftsfähig sein. Ein wichtiger Grund, jemanden nicht in den offenen Vollzug zu geben, ist zudem das rechtliche Risiko, dass wir für unsere Entscheidung selbst strafrechtlich zur Verantwortung gezogen werden. Ein Beispiel: Meine Vertreterin hier in der JVA Wittlich ist wegen einer Verlegung in den offenen Vollzug vom Landgericht Limburg wegen fahrlässiger Tötung verurteilt worden. Das Urteil ist noch nicht rechtskräftig, es liegt dem Bundesgerichtshof vor. Ich hoffe, dass es so keinen Bestand haben wird.

ZEIT ONLINE: Was ist passiert?

Patzak: Meine Vertreterin hat sich dazu entschieden, einen Gefangenen in den offenen Vollzug zu verlegen, der schon mehrfach wegen Fahrens ohne Fahrerlaubnis vorbestraft war. Nach 15 Monaten im offenen Vollzug ist er wieder ohne Führschein Auto gefahren, ist in eine Polizeikontrolle gekommen, hat sich eine wilde Verfolgungsjagd mit der Polizei geliefert und ist in die Gegenfahrbahn einer vierspurigen Autobahn geraten. Dort ist er mit dem Auto einer jungen Frau kollidiert, die bei dem Unfall gestorben ist. Jetzt sagt das Landgericht Limburg, das sei eine fahrlässige Tötung, da wir es hätten vorhersehen müssen, bevor wir den Gefangenen in den offenen Vollzug verlegt haben.

Wir treffen jeden Tag Prognoseentscheidungen, müssen also überlegen, ob derjenige, den wir rauslassen, eine Gefahr für jemand anderen ist. Wenn Sie aber wissen, dass Sie selbst mit einem Bein im Gefängnis stehen, werden Sie sich bei solchen Entscheidungen sehr zurückhalten. Wenn wir nicht dieses Damoklesschwert der eigenen Strafverfolgung hätten, würden wir sehr wahrscheinlich wieder mehr Gefangene im offenen Vollzug unterbringen. Die Zahlen sind in den letzten Jahren stark zurückgegangen. Als ich 2014 hier in Wittlich anfing, waren wir im offenen Vollzug noch voll besetzt. Eines dürfen Sie nicht vergessen: Die Gefangenen kommen in der Regel irgendwann sowieso wieder raus, dann besser vorbereitet durch einen offenen Vollzug mit guter Überwachung und Kontrolle als völlig unvorbereitet.

Zitat
Wir treffen jeden Tag Prognoseentscheidungen, müssen also überlegen, ob derjenige, den wir rauslassen, eine Gefahr für jemand anderen ist.

Gefängnisdirektor Jörn Patzak

ZEIT ONLINE: Die Gesamtkosten des Vollzugs betragen in Deutschland zwischen drei und vier Milliarden Euro. Kombiniert mit der Rückfallquote von 48 Prozent könnte man zu der Einsicht gelangen, dass das Geld eher versickert, als sinnvoll investiert ist.

Patzak: Die zitierte Studie zu der Rückfallquote kenne ich genau, es ist nämlich die einzig verfügbare. Sie wird fälschlicherweise dahin verstanden, dass die Hälfte aller Häftlinge wieder im Gefängnis landet. Dem ist aber nicht so, denn zu den 48 Prozent Rückfälligen zählen auch Menschen, die nur wegen einer Geldstrafe auch wieder zu einer Geldstrafe verurteilt werden. Es werden lediglich 32 Prozent zu einer erneuten Haftstrafe ohne Bewährung verurteilt.

ZEIT ONLINE: Ist das ein Erfolg?

Patzak: Finde ich schon, wenn man bedenkt, was für Leute wir hier haben. Was in 30 oder 40 Jahren bei den Menschen schon falsch lief, können wir nicht in drei oder vier Jahren Haftzeit richten. Denn erfolgreiche Resozialisierung setzt grundsätzlich eine Sozialisierung voraus, die in vielen Fällen fehlt.

ZEIT ONLINE: Wenn Sie sich Ihr ideales Gefängnis malen könnten, wie sähe das aus?

Patzak: So wie die JVA Wittlich, nur mit ein bisschen mehr Personal. Ich glaube schon, dass wir hier einen ganz ordentlichen Vollzug machen.


Korrekturhinweis: An zwei Stellen wurden Äußerungen unseres Gesprächspartners zunächst nicht vollständig wiedergegeben. Zu den Türen im Gefängnis sagte Jörn Patzak: "Wenn Sie es noch nie gemacht haben, machen Sie es erst mal falsch, denn wir haben ein besonderes Schließsystem mit vielen verschiedenen Schlössern und Schließmethoden." Ursprünglich schrieben wir nur: "Wenn Sie es noch nie gemacht haben, machen Sie es erst mal falsch." Zu Drogen im Gefängnis sagte Jörn Patzak: "Wie können Drogen nicht im Knast sein? Wie sollten wir das verhindern? Solange Menschen Körperöffnungen zum Schmuggeln nutzen, werden Drogen im Gefängnis sein!" Ursprünglich schrieben wir nur: "Wie können Drogen nicht im Knast sein? Wie sollten wir das verhindern?" Wir haben die Aussagen nachträglich ergänzt. Die Redaktion.


Quelle: Zeit Online