Wie sind eure Erfahrungen

  • Guten Morgen, ich hatte gestern noch ein Gespräch mit meiner Mutter. Bisher war sie, wie ich berichtet hatte, ja sehr offen. Nun hat sie das erste Mal Bedenken geäußert, darüber dass die Länge der Haftzeit ja nicht feststeht und ob er denn überhaupt wieder Arbeit finden wird, wenn er wieder raus kommt. Und dass es für ihn aufgrund des Alters (er ist älter als ich, Mitte 50) ja sowieso schwer was findet..... Das hat mich etwas runtergezogen.
    Er dagegen ist sehr motiviert und meint, er findet ohne Probleme was, in seinem Bereich (Handwerksmeister ) würde man immer fähige Leute brauchen.


    Wie sind denn da so eure Erfahrungen?

  • Ich habe Deinen Beitrag getrennt und ein eigenständiges Thema daraus erstellt.


    Antworten werde ich später ausführlicher.


    Was doch für ein Netz wir weben,


    wenn wir den Weg der Täuschung gehen.


  • Hallo,


    da sprichst Du ein Thema an, was mich auch sehr beschäftigt.


    Die, die zu ihm halten, haben auch schon Fragen dieser Art gestellt bzw. Zweifel geäußert. Und mich belastet das auch sehr.


    Die lange Haftzeit schaffen wir bestimmt. Aber was kommt danach? Wenn jemand lange Zeit inhaftiert war und in einer völlig anderen Welt lebt, wie schnell kann er draußen zurecht kommen?


    Und was bleibt beruflich? Unterbezahlte Hilfsjobs?


    Wäre toll, wenn andere, die es geschafft haben, mal etwas berichten.

  • Ein Handwerksmeister, der nicht seit langer Zeit aus dem Job raus ist, findet ganz sicher eine Stelle.

    Unter den Einäugigen ist der Dreibeinige König. Reiner Calmund

  • Darky, ich drücke dich mal ganz fest, denn mir geht das ganz genau so.


    Mein Freund ist da total optimistisch und meint, er hat in mir die beste Motivation.
    Wie gesagt, er ist Handwerksmeister und hat in den letzten Jahren immer mal wieder nebenbei in dem Beruf gearbeitet.
    Fakt ist aber, dass er tatsächlich, so wie es ein Lebenslauf halt zeigt, eine ziemliche Lücke mit Straftat begehen und dafür büßen hat.
    Er sagt, er ist sich nicht zu schade, erstmal (z.B. auch während der Zeit des offenen Vollzugs, wenn ihm der gewährt wird), bei einer Zeitarbeitsfirma zu arbeiten.
    Und sich dann nach weiteren Jobs umzuschauen.
    Das klingt für mich erstmal gut, dass er da ganz kleine Brötchen backt, aber die Realität würde mich da auch schon sehr interessieren.

  • ...Er sagt, er ist sich nicht zu schade, erstmal (z.B. auch während der Zeit des offenen Vollzugs, wenn ihm der gewährt wird), bei einer Zeitarbeitsfirma zu arbeiten.


    Und sich dann nach weiteren Jobs umzuschauen.


    Was hat dein Freund denn vor der Inhaftierung gemacht - war er in einem anderen Beruf beschäftigt wenn er als Handwerksmeister nur so ab und zu mal gearbeitet hat?


    Ich bekomme echt leichte Schnappatmung wenn ich lese, er wäre sich auch nicht zu schade für..... etwas besseres kann ihm kaum passieren!


    Wenn er im OV überhaupt einen FB-Status bekommt, wird er froh sein um jede Arbeitsstelle die sich ihm anbietet und mit viel Glück sind das auch Zeitarbeitsfirmen und nicht nur anstaltseigene Betriebe außerhalb bzw. Betriebe die für die JVA arbeiten.


    Mein Mann hat im OV bei einer Zeitarbeitsfirma gearbeitet und ihm konnte es nicht besser gehen.
    Er hatte ein Tagesstundenkontingent von 15 Stunden - glaube ich - und war praktisch nur zum Schlafen in der Anstalt. Er hat in seinem erlernten Beruf als Stahlbauschlosser gearbeitet und stets wechselnde Arbeitsorte und im Umkreis von 50 km war das für die Anstalt auch kein Problem. Man muss halt nur IMMER pünktlich wieder da sein - egal ob Schnee, Sturm, Erdbeben :lachfett2: das war der Anstalt egal, man hatte zu einer bestimmten Uhrzeit wieder da zu sein, sonst gabs "Saures"


    Er hatte seinen gesamten Lohn - abzüglich Haftkostenbeitrag und Überbrückungsgeld - zur Verfügung und das ist schon enorm wichtig, da ja "draußen" die ein oder andere Verpflichtung nachgekommen werden muss.


    Die letzten Monate seiner Haftzeit war er bei einer Firma (auch über Zeitarbeit) beschäftigt, die so zufrieden mit ihm waren, dass sie ihn nach der Entlassung übernommen haben.


    Es gibt einige Zeitarbeitsfirmen die gern mit FB'ler arbeiten - der größte Teil davon ist nämlich sehr zuverlässig und pünktlich :top:


    VG.Fee


    Jeder Anfang hat ein Ende wobei dieses Ende ein neuer Anfang sein wird


    18.03.2009 - 05.10.2011

  • Hallo Fee,


    ich weiss leider nicht, was "FB" bedeutet, daher kann ich darauf nicht eingehen.


    Ja, er war lange Zeit nicht in seinem Meisterberuf tätig, sondern in einer bzw zwei anderen Branchen, in denen er vermutlich nicht so leicht wieder Fuss fassen können wird, daher denke, dass das Handwerk in dem Fall doch goldenen Boden hat. Diesen Beruf hat er aber immer nebenbei (aus Freude an seinem Beruf) weitergemacht, daher ist er da auch noch im Thema.


    Generell ist es so, dass er sich tatsächlich ganz gut verkaufen kann, und daher denke, ich dass er schon wieder Arbeit findet. Er hat durch seinen frühere Arbeit auch viele Kontakte, von denen man evtl den einen oder anderen reaktivieren könnte.


    Das ist toll, dass dein Mann nach der Entlassung übernommen worden ist, allerdings stellt sich da für mich die Frage, ob denn für die Firmen mal abgesehen von der Tatsache, dass jemand im OV ist und abends wieder hin muss, ein vertraglicher Unterschied besteht zwischen VOR der Entlassung und NACH der Entlassung? Sind diese Verträge mit Häftlingen denn begrenzt auf einen bestimmten Zeitraum? Gelten da Sonderregelungen?

  • Huhu Eilan,


    FB bedeutet freies Beschäftigungsverhältnis.


    Im OV gibt es verschiedene Stufen bzgl der Arbeitsverhältnisse - mit oder ohne Aufsicht innerhalb des Anstaltsgeländes, mit oder ohne Aufsicht außerhalb bei externen Firmen die für die JVA arbeiten und als Freigänger mit FB-Status kann man "überall" arbeiten OHNE Aufsicht. Man hat ein bestimmtes Stundenkontingent am Tag - das ist u.a. abhängig von der Entfernung der Arbeitsstelle - und ist dann 10, 12, 15 Stunden draußen.
    Diese Stunden gelten aber nur für die Arbeit - zwischendurch mal eben einen Abstecher nach Hause - falls in der Nähe - oder für ein Treffen nutzen ist nicht erlaubt und wer da nicht widerstehen kann und erwischt wird, ist schneller im GV (geschlossenen Vollzug) als er gucken kann.


    Wenn der Inhaftierte bei einer Firma "seiner Wahl" arbeitet, muss die natürlich der Anstalt Rede und Antwort stehen, viele Arbeitgeber scheuen diese Kontrolle der JVA und lehnen daher eben solchen Beschäftigungsverhältnisse ab.


    Bei einer Zeitarbeitsfirma läuft der Vertrag ja zwischen Häftling und der Leihfirma - und wenn die gute Erfahrungen mit "Knackis" haben, werden die das ihren Auftraggebern schon gut verklickern.
    Ein vertraglicher Unterschied besteht nicht zwischen inhaftiert oder entlassen - der Lohn bleibt der gleiche und es gibt auch keine Sonderregelungen.
    Der Leihfirma ist es im Prinzip ja auch egal, woher man kommt, für die zählt nur die Arbeitskraft und wie man erreichbar ist.
    Bei meinem Mann - der ja wechselnde Arbeitsorte hatte - wurden immer Faxe an die JVA geschickt mit Anschrift und Arbeitszeiten und netterweise direkt mit passender Bahn-/Busverbindung. Der Lohn wurde aufs JVA-Konto überwiesen und nach Abzug von Haftkostenbeitrag und Ü-Geld wurde ihm das Geld ausgezahlt.


    VG.Fee


    Jeder Anfang hat ein Ende wobei dieses Ende ein neuer Anfang sein wird


    18.03.2009 - 05.10.2011

  • Wie sind denn da so eure Erfahrungen?

    Sorry, habe es gestern leider nicht mehr geschafft.


    Nun, wer eine Ausbildung und Berufserfahrungen hat, kann i.d.R. immer mit einem Job nach der Haft rechnen. Leider haben das die wenigsten Inhaftierten, geschweige einen Schulabschluß. Zwar kann man das in der Haft alles machen, doch das reicht bei weitem nicht.
    Nach meiner 3 jährigen Ausbildung habe ich erst im praktischem einmal ganz schön dazu lernen müssen, das hat leider auch nicht ausgereicht. Ich habe mich dann auf eigene Kosten selbst weitergebildet.Heute sind diese "Zusatzausbildungen" schon ein fester Bestandteil einer Ausbildung.


    Im geschlossenen Vollzug ist die Vorlage des Facharbeiterbriefes keine Pflicht, macht sich aber schon finanziell bezahlt, wenn es später um Arbeit geht.
    Im offenen Vollzug bin ich zuerst für die Anstalt tätig gewesen, wurde auch dementsprechend entlohnt. Auf einer Stellenanzeige in einer Tageszeitung habe ich mich dann schriftlich beworben, mit dem Hinweis das ich im offenen Vollzug bin. Als ich die Einladung zum Gespräch bekommen habe, unterrichtete ich die Anstalt und bin mit dem Vollzugsbeamten des Freigängerhauses zu diesem Gespräch hingefahren. Hat mir persönlich zwar nicht gepasst, so waren aber die Vorschirten.
    Sauer bin ich nur geworden, dass zuerst er mit dem Chef gesprochen hat, was für Auflagen die Firma und ich erfüllen müssen usw. Bin gar nicht zu Wort gekommen, musste mir das echt erkämpfen. Als es dann ums Gehalt ging, wollte mir wieder dazwischen quatschen, doch da hat dann der zukünftige Chef ihm das Wort abgeschnitten.....he, he, he,
    Nun, ich bin genommen worden und habe in zwei Schichten Früh - und Spätschicht gearbeitet. Im Freigängerhaus war das bei uns anderes als bei Waldfee's Mann.
    Wir mussten uns selbst Versorgen, Essen kochen, Einkaufen und Kleidung waschen. In der Woche wurden mir 150,00 Euro vom Gehalt ausgezahlt und der Rest ging aufs Eigengeld, da mein Ü-Geld schon voll war. Wir wurden auch Räumlich von den Mitgefangenen getrennt, die für die Anstalt arbeiteten. Wir konnten uns jedoch ohne große Probleme gegenseitig besuchen, war halt nur eine andere Abteilung.



    Nach meiner ersten Inhaftierung hatte ich das Glück, das meine damalige Firma mich wieder einstellte, nicht aus Mitleid oder 2. Chance, sondern auf Grund meiner Arbeitsleistung. Mit diesem Betrieb bin ich auch umgezogen von NRW nach Rheinland - Pfalz. Dort habe insgesamt 17 Jahre geschafft.
    Nach meiner 2. Inhaftierung habe ich ganz bewusst nicht gleich nach Arbeit gesucht, wollte eigentlich das ganze Jahr Arbeitslosengeld kassieren, doch leider macht das Arbeitsamt bei solchen Sachen nicht mit.
    Durch Mundpropaganda bin ich an eine Firma gelangt, die Leute suchten und bin nach telefonischer Absprache zum Gespräch dahin. Natürlich sind die 48 Monate Fehlzeiten im Lebenslauf aufgefallen und hätte sie mit einfach "War Arbeitslos" begründen können oder mit was weiß ich noch.
    Doch ich habe mit offenen Karten gespielt und nur gesagt das ich nicht wegen Mord eingessen habe. Zwei Tage später war ich wieder im Rhythmus eines neuen Lebensabschnittes.



    Jeder stellt sich natürlich die Frage, ob er die Zeit die man im Knast verbracht hat im Lebenslauf angibt oder nicht. Bei einer Kurzzeitstrafe (von 6 Monaten bis 1,5 Jahren) würde ich es nicht machen, da ist die Lücke noch relativ klein. Doch alles was darüber ist, würde ich das schon machen.


    Bei mir steht diese Zeit im Lebenslauf, weil ich mir sicher war, das durch meine berufliche Qualifizierung höher eingestuft wird, als meine Inhaftierung.



    Ob ich ohne Berufsabschlüsse meine Inhaftierung angeben würde, weiß ich nicht. Denke mir aber, das es schwerer sein könnte, eine Stelle zu bekommen.



    Er dagegen ist sehr motiviert und meint, er findet ohne Probleme was, in seinem Bereich (Handwerksmeister ) würde man immer fähige Leute brauchen.

    In der Tat, Handwerk hat goldenen Boden, auch heute noch. Man muss dafür nicht unbedingt Meister sein, ist aber immer von Vorteil.


    Das hat mich etwas runtergezogen.

    Ach das sollte es nicht. Mütter sind nun mal so, immer um ihre Kinder bemüht. Nur weil sie Bedenken äußert, die man ja auch nicht von der Hand weisen kann, muss es nicht gleich heißen, das sie nun doch plötzlich gegen Dich ist.
    Wenn Dich noch einmal irgendetwas runter zieht, dann mach einfach eine Tasse :kaffee02: und :lachfett: drüber.....


    Was doch für ein Netz wir weben,


    wenn wir den Weg der Täuschung gehen.


  • Hallo liebe Eilan,
    da kann ich Dir meine Erfahrung schildern, ist jedoch schon paar Jahre her und ich weiß nicht, ob sich viel geändert hat in der Ansicht der Menschen. Außerdem ist ganz wichtig, für welches Delikt er im Knast war!!


    Mein Chef bat um ein Gespräch. Da wir ein besonderes Arbeits-u.Vertrauensverhältnis hatten, fragte er mich, ob wir einen Mörder einstellen sollen und nur wenn ich zustimme, wollte er dem Mann eine Chance geben. Er erzählte mir die Geschichte, ( der Bäckermeister kam unverhofft nach Hause und fand seine Frau im Bett mit seinem bestem Freund, die Frau hat es nicht überlebt ).


    Ich gab meine Zustimmung und wir vereinbarten, keinem der anderen 40 Mitarbeiter davon zu erzählen, um kein Vorurteil aufkommen zu lassen! Ich glaube, dass es eine Kurzschlußhandlung war und der Mitarbeiter sich gut eingliedert.
    Wir waren zufrieden mit ihm, ein netter Mensch!
    Allerdings war er bei uns (Programmierung/Computerbranche) nur Fahrer, eine Art Mädchen für alles, wurde jedoch gut bezahlt. Unsere Kunden kamen zu 80 % aus der Bankenbranche, da hätten wir natürlich keinen Geldschrankknacker einstellen können, denn wir bzw. unsere Mitarbeiter mussten häufig zum Kunden vor Ort fahren, auch abends und am Wochenende, wenn grad Ultimo war.


    Ich bin für Offenheit gegenüber dem Arbeitgeber, würde jedoch von Fall zu Fall abwägen.


    Eilan, ich kann Deine Mutter verstehen und ihre ersten Sorgen. Entscheiden musst jedoch DU !


    Das Leben ist so kurz und ich denke, Du machst den richtigen Schritt. :)


    Lieber Gruß
    kunterbunt

  • Hi Eilan,
    ich sehe gut Chancen, dass dein Mann im Handwerk wieder Fuß fassen kann. Wenn die Einstellung stimmt geht das !


    kunterbunt : deine Erfahrung lässt mich hoffen, obwohl ja noch gut mindestens 13 Jahre auf der Uhr stehen. Ich habe bei einigen Selbstständigen in der Kirchengemeinde mal nachgefragt, ob Sie einen verurteilten Mörder (den Sie ja alle aus der Jugendarbeit kennen) einstellen würden... Das Ergebnis war leider zu 100% negativ :-(

  • Wenn ich mal anmerken darf, es ist schon verrückt für meine Vorstellung, wie Selbstverständlich mit der Lebenszeit umgegangen wird.

    Naja, Faszinierend und ich stecke mittendrin😰 .

    Allerdings bin ich mir nicht sicher ob ich diesen Platz wirklich möchte.

  • Naja, das "gute" ist, wir können diesen Platz jederzeit verlassen. Im Gegensatz zu unseren Partnern, Söhnen, inhaftierten Angehörigen ...


    Ich gehe mit dem Thema "was kommt nach der Haft", auch bezüglich Berufsleben, optimistisch um.

    Wenn's soweit ist wird er Gas geben (müssen) und ich werde ihn unterstützen. Wird schon werden. Und falls nicht ist dann immer noch Zeit zum Haare raufen :FGFG:


    Das mit dem "selbstverständlichen Umgang mit der Lebenszeit" verstehe ich nicht.

    ?

    Wenn es echt ist, dann kann Entfernung nicht trennen, Zeit kann nicht schwächen und niemand ersetzt den anderen.

    Eigentlich ganz einfach.


  • Hallo, ich bin mit meinem Mann 14 jahre zusammen und 12 jahre verheiratet, ich habe meinem Mann das versprechen gegeben wie in guten und schlechten zeiten.... ich halte mein versprechen.


    Aber es gibt auch bei mir Grenzen, ich denke nicht das ich das noch mal durch machen würde, irgendwann muss man dann doch los lassen, denn ich habe meinen Mann geheiratet um mit ihm das leben zusammen zu verbringen und nicht jahre von einnader getrennt zu sein.....


    Mein Mann gibt sich auch sehr viel Mühe und macht mir immer wieder mut, er sieht das ganze auch nicht selbstverständlich an..... er hat sich wirklich geändert und auch ich bin stolz aif ihn.


    Lg Schnecki